Nach 20 Jahren wieder GEOS

Ich weiß nicht, was nerdiger ist, als PC/GEOS, eine Betriebssystemerweiterung von 1990, heute (2024) zum laufen zu bringen.

Wenn man es tut, findet man eine runde, durchdachte und schöne Oberfläche im Motif-Stil, ein paar Spiele, ein Dateimanager und ein Haufen Programme.

So sieht das dann z.B. aus:


Besonders toll ist das mitgelieferte Office-Paket: Die Textverarbeitung und das vektorbasierte Zeichenprogramm bieten die selben Funktionen an und unterscheiden sich nur durch eine anders konfigurierten Benutzeroberfläche, was für die Anwender*innen bedeutet, dass das Zeichenprogramm gut mit Mengentext umgehen kann und die Textverarbeitung im Grunde eine komplette DTP-Anwendung ist, also gut funktionierende Möglichkeiten zum Kombinieren von Text- und Grafikelementen kennt. Mal andersherum gesagt: Wer mal mit GeoWrite gearbeitet hat, schüttelt heute noch den Kopf darüber, wie nervig es ist, mit M$-Word (und leider auch Libreoffice Writer) Texte, Bilder und Zeichnungselemente auf einer Seite zu kombinieren, weil sich ständig Elemente ungewollt verschieben. Das passiert mit GeoWrite nicht. (Ja, ich weiß, dass weder Word noch Writer Satzprogramme sind -- der Punkt ist, dass es schon 1990 eine Textverarbeitung gab, mit der man zumindest halbwegs ordentlich Satz machen konnte.)

Leider hat sich in den 1990er-Jahren Win3.11 durchgesetzt und nicht das durchdachtere, schnellere und schönere GEOS. In der Bude, in der ich zu dieser Zeit gearbeitet habe, lag der Umstieg daran, dass GEOS auf dem neu angeschafften PC (Pentium 200 mit 8 MB RAM???) nicht mehr lief. Schade. Da GEOS proprietär war, konnte sich auch niemand einfach dran setzen, solche Macken ausbügeln, und das System weiter aktualisieren. Auch schade. Dass das System dann 2018 unter eine freie Lizenz gestellt wurde, ist super, aber vermutlich zu spät, um das System für mehr als eine Handvoll Nerds interessant zu machen.

Trotzdem ist es toll, dass es diese Handvoll Nerds gibt, die sich z.B. auf geos-infobase.de austauschen und tatsächlich noch für das alte System entwickeln und außerdem im Forum viele Tipps dafür bereithalten, wie man das System in der Dosbox oder einer virtuellen Maschine zum Laufen bekommt. Merci beaucoup!

Als ich in den 1990er-Jahren mit GEOS gearbeitet habe, hatte man damit keinen Internetzugriff, mittlerweile ist der möglich, allerdings funktionieren wirklich nur sehr einfache Seiten, und die auch nur ohne https. Leider gibt es keinen SSH-Client, der würde ja zumindest möglich machen, dass man sich remote auf einer moderneren Maschine einloggt und mal die Mails checkt oder was in der Wikipedia nachschlägt.

Außer einem Browser kommt GEOS mit einem HTML-Editor und ja, ich konnte nicht wiederstehen ... 2024 macht ja jede Seite, die weder Werbung noch KI-generiert ist, das Internet schöner, selbst wenn sie nur von deprecated tags zusammengehalten wird..